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Politik & Soziales: Energie neu denken

Copyright by Michael Bockhorst Sonntag, 03. April 2011
Wie hilfreich ist es wirklich, die Energiefrage ausschließlich auf die Diskussion “Atom oder Regenerativ”zu verengen? Wir zäumen das Pferd von der falschen Seite auf - und tragen selbst die Scheuklappen!

“Atom oder Regenerativ” - die zu eng gefasste Fragestellung


Nach dem Atom-Moratorium der Bundesregierung scheint es nur noch um eines zu gehen: Wie stellen wir zukünftig Strom bereit, mit Atomkraftwerken oder mit erneuerbaren Energien?

Dabei wird vollkommen ausgeklammert, dass es noch einen dritten Weg gibt: Fossile Brennstoffe. Auch wenn viele - einschließlich der Grünen - auf das Erdgas als Energieträger für die Brücke zu den erneuerbaren Energien verweisen: Auch dieses hat einen politischen Preis. Die Abhängigkeit von Lieferanten. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, dass die Nabucco-Pipeline Erdgas unabhängig von Rußland nach Europa transportieren soll. Vielleicht ist es sogar Teil eines grünen Konzeptes, dass der Grünen-Politiker Joschka Fischer diese Pipeline promoten soll. Schließlich ist Erdgas ein - zumindest im Vergleich zur Kohle - mit einer bezogen auf die Kilowattstunde geringeren Kohlendioxidemissionen behafteter Energieträger.

Aber eine Realität ohne Kernenergie in Deutschland, ohne grundlastfähigen Strom aus erneuerbaren Energien und ohne Stromimporte (z.B. Atomstrom aus Frankreich, der Tschechischen Republik oder der Ukraine) würde einen steigenden Anteil an Kohlekraftwerken nach sich ziehen. Zumindest in dem Denkschema des konstanten oder nur leicht sinkenden Strombedarfs Deutschlands.

Wo gehört das Zaumzeug hin?


Oder: Wo ist vorne? In der heutigen Diskussion geht es nur darum, wie die Nachfrage nach Strom gedeckt werden kann. Da unterscheiden sich die in den Parlamenten vertretenen Parteien nicht voneinander. Der Strombedarf wird als fixe Größe hingestellt. Es geht nur darum, wie er bedient wird.

Wir als Endverbraucher entscheiden letztendlich, wieviel Strom wir nachfragen. Nur wir. Wenn wir ein Gerät einschalten oder es sinnlos laufenlassen: Wir entscheiden. Ob wir stromintensive Wegwerfprodukte oder stromsparend hergestellte langlebige Produkte kaufen: Wir entscheiden.

Es geht letztendlich nicht um den Strombedarf, sondern den Bedarf an Dienstleistungen, die mit Strom verrichtet werden können: Warmes Wasser zum Waschen, Hitze zum Kochen, Kommunikation mit Handys und Handynetzen, Mobilität (Bahn), usw. - Energiedienstleistungen sollten im Fokus stehen.

Wir sind am richtigen Ende des Pferdes, wir können das Zaumzeug fast schon richtig platzieren. Aber wir müssen noch einen Schritt weitergehen.

Hier ist vorne - die Frage nach der Lebensweise


Wie oft und wie lange muss ein Mensch duschen? Wie oft müssen wir in den Urlaub fahren? Wieviel Kommunikation und Informationstechnologie brauchen wir?

Solche Fragestellen gehen an die Substanz: Sie betreffen unsere Lebensweise direkt und deutlich. Aber genau hier sind die grundlegenden Fragen unseres Umgangs mit Energie angesiedelt.

Jede Form der Bereitstellung von Energie benötigt Ressourcen auf dem Planeten Erde. Egal, ob es verstrahltes Gelände nach eine Reaktorunfall ist oder entartete Vegetation in einer Monokultur für die Herstellung von Biosprit. Egal, ob es sich um große Windparks oder das Spurengas Kohlendioxid freisetzende Kohlekraftwerke. Egal, wo diese Beeinflussungen stattfinden. Sie alle verändern unseren Lebensraum mehr, als uns dies bewusst ist.

Nachhaltigkeit kann nur eines bedeuten: Diese unseren Lebensraum schädigenden Vorgänge möglichst zu beschränken. Auf das nötige Maß, nicht auf das Nötigste. Dabei geht es keinesfalls um eine asketische Lebensweise.

Es geht um einen Wohlstand, der auf Wohlbefinden gründet: Dabei tragen die Säulen Geld, Energie und andere Ressourcen die eine Seite des Hauses. Aber genauso wichtig sind die nicht mit Geld zu bemessenden Säulen Zeit, Gesundheit oder Soziale Einbettung, die das Haus am Umfallen hindern.

Die letztgenannten Säulen spielen in der öffentlichen und publikumswirksamen Diskussion keine nennenswerte Rolle. Leider - aber wenn sich dies ändert, werden wir das Pferd von der richtigen Seite aufzäumen können: Eine Chance für einen zukunftsfähigen Umgang mit Energie!


 

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