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Energie-Produkte: Verspätungen im ÖPNV haben auch Vorteile!

Copyright by Michael Bockhorst Mittwoch, 24. Februar 2010
Bus oder Bahnen fallen aus. Ist dies immer direkt ein Drama? Eine Hommage an die Verkehrsbetriebe der Stadtwerke Bonn, die uns mit Energie mobil machen.

Verspätungen!

Sie kennen doch sicherlich die Stimmung, wenn Bus oder Bahn einmal nicht zur rechten Zeit kommen?! Vor allem, wie sie 30 Sekunden nach Überschreitung der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit kippt? Ich wusste bislang nicht, dass so viele Menschen mit so genau gestellten Uhren unterwegs sind.

Was passiert, wenn ein Mitarbeiter des verantwortlichen und bereits vorverurteilten Unternehmens in den Kreis der Wartenden gelangt? Bei Verspätungen bekommt es immer der erste ab, der irgendwie für den Betreiber des Unternehmens steht. Mitarbeiter, die für Auskünfte verantwortlich sind. Oder der Busfahrer.

Aber sollten wir uns nicht, bevor wir den Mund aufmachen, fragen, wie die Verspätung zustande gekommen ist? Ich habe bisher keine Busfahrerin, keinen Busfahrer erlebt, der aus Lust und Laune seine Haltestellen zu spät erreicht hat. Wenn die Fahrt durch den Feierabendverkehr behindert wird, gibt es eine Aufholjagd gegen die Uhr, um die Verspätung nicht noch größer werden zu lassen. Und dabei werden Geschwindigkeitsbeschränkungen und Lichtsignale korrekt eingehalten.

Setzen Sie sich doch einmal in den vorderen Bereich des Busses und schauen Sie zu, wie man ein 10 oder 15 Meter langes Gefährt durch enge zugeparkte Gassen lenkt, in denen Autos und manchmal auch unbeleuchtete Radfahrer plötzlich auftauchen und vorsichtig umschifft werden müssen. Es gibt Fahrgäste, die bar bezahlen (ich gehöre auch dazu) und dadurch jedesmal einen kleinen Zeitverzug ("ich habe nur 50 Euro, ich habe es nicht kleiner", ich versuche, immer Kleingeld parat zu haben). Oder es steht mal einer mit seinem Auto auf den Straßenbahngleisen ...

Es ist echte Arbeit, uns Passagiere von Punkt A nach B zu transportieren. Gegen viele Widrigkeiten: Die Uhr, andere Verkehrsteilnehmer, die Verkehrsregeln und so weiter. Das kostet uns gerade einmal ein paar Euro. Und es ist Arbeit, die von Menschen gut gemacht wird.

Echte Menschen!

Wo wir bei "Menschen" sind: Die Vision einiger Unternehmer ... oder vielleicht Unternehmensberater? ... besteht darin, auch noch die Fahrer von Bus und Bahn einzusparen. Sie zu ersetzen durch eine Computersteuerung. Welch glorreiche Idee.

Gestern abend passiert: Die Straßenbahnen der Linie nach Dottendorf bleiben wegen eines auf den Gleisen abgestellten Autos hängen. Die Stimmung an der Bahnhaltestelle ... o.k., Sie kennen das ja. Es tauchen Fragen auf: "Warum sagt niemand bescheid, was Sache ist?", "Warum können die das nicht auf der Anzeigentafel einblenden?" und man hört so manchen Fluch, den ich hier nicht wiedergeben möchte.

Diese genervten Zeitgenossen kommen aber allesamt nicht auf die Idee, einen Busfahrer auf dem gegenüberliegenden Busbahnhof anzusprechen. Funk ist eine Standardausstattung eines Linienbusses seit Jahrzehnten. Jeder Busfahrer kann in einer Minute die Information haben.

Und dies bestätigte sich ein paar Minuten später: Ein Busfahrer fuhr an die Bahnhaltestelle heran, kurbelte das Fenster herunter und fragte: "Wissen Sie schon bescheid, was los ist?" - "Nein" - "In Graurheindorf steht ein Fahrzeug auf den Gleisen, deshalb stauen sich dort die Bahnen." - "Danke für die Info!" Information ist alles, der menschliche Faktor zählt! (Für diejenigen, die den Begriff menschlicher Faktor nicht kennen: "human factor".)

Soziale Komponente!

Verspätungen und soziale Komponente? Ja, aber ich meine dabei nicht die sozialwissenschaftliche Betrachtung der Gruppendynamik beim Wegbleiben von erwarteten Ressourcen und Dienstleistungen unter erschwerten äußeren Bedingungen (=Regen).

Wissen sie was passiert, wenn die Bahn pünktlich kommt? Die Menschen, die vorher verdrießlich auf ihr Beförderungsmittel gewartet haben, gehen verdrießlich in die Bahn, setzen sich verdrießlich auf den Sitz oder stellen sich sehr verdrießlich irgendwo hin. Dann wird das Handy gezückt. Das einzige Lächeln entfleucht dem einen oder der einen anderen bei der Ankunft einer netten SMS. Bestenfalls wird das Scheitern der letzten Beziehung detailliert mit einer Freundin besprochen. So laut, dass man nicht weghören kann. Solcher "Live"-Talk kann ja auch recht unterhaltsam sein.

Wissen Sie was passiert, wenn die Bahn zu spät kommt? Menschen tauschen sich aus. Was ist los? Wie lange stehen Sie schon hier? Man solidarisiert sich: Gegen das Transportunternehmen oder für die gemeinsame Fahrt mit einem Taxi oder gegen den Unbekannten, der mit seinem Auto das Gleis blockiert hat. Und wissen sie, was der schönste Moment ist? Wenn im Gewirr der fahrenden Autos in 700 Meter Entfernung die Bahn mit zusammengekniffenen Augen fixiert wird. Noch steht die Frage im Raum: Fata Morgana oder ist sie es wirklich? Und dann wandern die Mundwinkel nach oben. O.k., bei manchen wieder in die Waagerechte.

Der Fahrer des Autos, welches die Bahngleise zugestellt hatte, war wohl nicht aufzufinden. Die Bahn kam nicht. Also wird ein Ersatzbus für die Fahrt nach Dottendorf gestellt. Selten habe ich eine solche Gemeinschaft von Passagieren erlebt, die nahezu heiter über die Verspätung diskutiert haben und Verbesserungsvorschläge zum besten gaben. Und diese Heiterkeit bei einer Packungsdichte der Mitfahrenden, welche jede Sardine in ihrer Büchse hätte leiden lassen.

Es geht doch!

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