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Energie: Graue Energie - die Unbekannte beim Energiesparen

Copyright by Michael Bockhorst Montag, 08. März 2010

Sie sparen viel Energie? Sie haben schon um 20 Prozent reduziert? Prima, aber warum sinkt der Gesamtbedarf an Energie in Deutschland nicht? Das liegt an einer Grauzone: Grauer Energie!

Vergleichsbild Graue Energie - 1 Euro verursacht 160 ml Erdoelbedarf

Jeder ausgegebene Euro verursacht
einen Energiebedarf von 160 Milliliter Erdöl!

"Wir tun schon so viel aber der Energieverbrauch sinkt nur wenig"

Diesen Satz hatte mir vor einigen Tagen jemand gesagt - mit einem Seufzer des Bedauerns und einem Fragezeichen auf der Stirn. Wir tauschen Glühlampen gegen Energiesparlampen aus, fahren weniger mit dem Auto, haben vielleicht auch neue Fenster eingebaut. Vielleicht haben wir den Energiebedarf in unserem direkten Umfeld auch um 20 Prozent reduziert. Aber in unserem Land sinkt der Energiebedarf kaum - es sei denn, "der Wirtschaft" geht es schlecht.

Geht es nicht mit rechten Dingen zu? Doch, all dies kann man erklären. Mit der nicht direkt sichtbaren sogennannten "Grauen Energie".

Was ist Graue Energie?

Graue Energie ist keine besondere physikalische Energie. Sie ist vielmehr die Energie, die für die Herstellung von Produkten und die Bereitstellung von Dienstleistungen eingesetzt wurde. Diese Energie sehen wir einem Produkt nicht an. Wenn Sie diesen Text lesen, verwenden Sie vielleicht ein Notebook oder ein bedrucktes Blatt Papier, um an diese Informationen heranzukommen. Den Strom, der das Notebook antreibt, wird noch als Energie wahrgenommen. In seiner Nutzungsphase braucht ein hochwertiges Notebook, welches nicht gerade im Dauerbetrieb läuft, weniger Primärenergie, als zu seiner Herstellung eingesetzt wurde. Ein bedrucktes Blatt macht es noch deutlicher: Das Lesen funktioniert bei Sonnenlicht ohne aufwendige Energietechnik, das Blatt, der Drucker und die Druckfarben sind jedoch unter Einsatz von Energie hergestellt und transportiert worden.

Graue Energie steckt auch in Dienstleistungen. Wenn Sie mit der Bahn fahren, ist diese Energie recht grau. Sie bekommen weder die Kohle in die Hand, die zum Strommix der Bahn dazugehört, noch betanken sie die Diesellok eines Regionalzuges vor der Fahrt. Oder stellen Sie sich eine Flugreise auf die andere Seite der Erde vor, bei der Sie die von Ihnen verbrauchte Kerosinmenge selbst tanken müssten! Wenn die Tankuhr die 100 Liter anzeigt, wird es langweilig und das Stehen langsam schmerzhaft. Wenn die Tankuhr 800 Liter anzeigt, sind sie fertig. Ihr Rücken vom angespannten Stehen ebenfalls!

Gibt es ein Maß für die Graue Energie?

Einen Richtwert für die in Produkten enthaltene Energie kann man leicht berechnen. Dazu teilt man die in einem Land verbrauchte Primärenergie durch das Bruttoinlandsprodukt. Für Deutschland sieht die Rechnung (2008) so aus:

4000 Milliarden Kilowattstunden Primärenergie
geteilt durch
2500 Milliarden Euro

Oder in handlicheren Zahlen: Für jeden Euro, den wir für ein Produkt oder eine Dienstleistung ausgeben, wird ein Primärenergiebedarf von durchschnittlich 1.6 Kilowattstunden verursacht.

Um diese Zahl etwas besser zu verstehen, stellen wir uns vor, dass die 1.6 Kilowattstunden etwa 160 Milllitern Öl (oder Benzin, Diesel, Heizöl) entsprechen. Für jeden Euro werden also etwa 160 Millliter Öl verbrannt! Das Bild in der Einleitung gibt eine Vorstellung dieser Verhältnisse.

Diese "Daumenregel" hat ihre Grenzen: Beim Heizöl kaufen wir mit einem Euro etwa 13 Kilowattstunden Primärenergie. Das Bild eines Malers hat zu seiner Herstellung vielleicht nur 0.3 Kilowattstunden pro Euro an Energie benötigt. Aber alle "normalen" Produkte und Dienstleistungen wie zum Beispiel Brötchen, Gemüse, Notebooks, Möbel oder Banken, Versicherungen und Beratungsstellen liegen dicht am Durchschnitt.

Wie hoch ist der Anteil der Grauen Energie?

Dazu schauen wir uns an, wieviel Energie in den einzelnen Sektoren (2008) eingesetzt wird:

  • 26 % im Bereich Haushalt - der Bereich, den wir noch halbwegs im Blick haben.
  • 30 % im Bereich Verkehr, davon "sehen" wir etwa ein Drittel direkt, der Rest ist grau.
  • 16 % im Bereich Gewerbe, Handel, Dienstleistungen (GHD-Sektor) - ziemlich grau.
  • 28 % im Bereich Industrie - sehr grau!

Der Bereich Haushalt unterliegt weitgehend unserer Kontrolle, wenn Energie transparent abgerechnet wird. Im Verkehrssektor sehen wir vielleicht ein Drittel direkt, der Rest ist Dienstleistung oder Güterverkehr. Zusammengenommen haben wir bei etwa 1/3 unseres Energiebedarfs die direkte Kontrolle, die anderen 2/3 des Energiebedarfs, den wir verursachen, sehen wir nie konkret.

Kommt es noch schlimmer?

Ja, wenn Sie zur Miete wohnen oder nicht eben mal 20 000 oder 40 000 Euro für eine energetische Sanierung Ihres Hauses zur Verfügung haben! Raumwärme - Heizung und Warmwasser - machen 75 Prozent des Energiebedarfs im Haushalts-Sektor aus. Sie können die Rechnung zwar kontrollieren, aber nur bedingt die Situation beeinflussen. Dann bleiben nur noch gut 16 Prozent des Energiebedarfs übrig, den Sie direkt beeinflussen können. Selbst wenn Sie dort 15 Prozent eingespart haben, in Ihrer Gesamtbilanz können Sie nur 2.5 Prozent einsparen.

Und nun?

Sie können Ihren Energiebedarf nur dann drastisch senken, wenn Sie weniger Geld ausgeben! Denn, das ist die Eigenschaft der Grauen Energie, mit jeder Geldausgabe erhöhen Sie Ihren persönlichen Energiebedarf.

Aber es gibt Alternativen, weniger Graue Energie auszugeben: Der Kauf von regionalen Produkten verringert den Energiebedarf für den Transport. Und er stärkt zudem das regionale Wirtschaften, welches die Abhängigkeit von globalen Wirtschaftskrisen drastisch reduziert - in Zeiten der Wirtschaftskrise ein wesentlicher Vorteil für die Währungsstabilität und die Sicherheit von Arbeitsplätzen im eigenen Land.

Und: Graue Energie ist nicht unbedingt schädlich. Wenn Sie mit gering umweltbelastenden Verfahren gewonnen wurde, darf auch etwas mehr graue Energie in einem Produkt sein. Für Warmduscher, die gerne auch einmal eine halbe Stunde unter der Dusche stehen, ist eine solarthermische Warmwasserbereitung trotz des höheren Investitionsaufwands energetisch und finanziell die optimale Lösung. Der Kurzduscher fährt auch auf lange Sicht mit einem elektronischen Durchlauferhitzer besser.

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