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Politik & Soziales: Wirtschaftswachstum auf dem Prüfstand

Copyright by Michael Bockhorst Montag, 05. April 2010
Das es "Grenzen des Wachstums" gibt, ist jedem (herzens-)gebildetem Menschen klar. Meadows und seine Co-Autoren haben dies in ihrem 1972 erschienen Buch auf wissenschaftliche Weise untersucht. Sie haben sich nur in einem Punkt geirrt: Dass es schon im Jahr 2000 sehr knapp wird.

Was Meadows und Co. nicht genau wussten ...

Die Erkenntnis, dass Ressourcen knapp werden, führt in vielen Fällen zu einem geringeren Bedarf an genau diesen Ressourcen. So ist es kein Wunder, dass aus den heute noch sehr stark verbreiteten Waldsterben keine Waldsterbens-Katastrophe wurde. In vielen Fällen wurde wenigstens der Spritverbrauch der Fahrzeuge ungefähr konstant gehalten und ist nicht weiter nach oben geschossen.

Ein solches Verhalten kann man aber kaum berechnen. Und so haben Meadows und Co genau das gemacht, was man als Wissenschaftler tun muss: Sie haben unter den damals gegebenen Annahmen eine Prognose gewagt. Dass sie nicht 2000 eingetroffen ist, sondern vielleicht 2010, 2012 oder 2015 eintrifft - das macht sie nicht schlechter.

Eines ist aber sicher: Ein grenzenloses Wachstum funktioniert nicht, weil das System Erde begrenzt ist.

Wirtschaftswachstum = Lebensraum-Beeinflussung!

Unsere heutige Art zu wirtschaften führt genau zu dieser Gleichung. Zwar gibt es einige Tendenzen, die Auswirkungen wirtschaftlicher Aktivitäten auf das System Erde einzudämmen. Aber hier muss man genau anschauen, wer wo wieviel Schaden vermeidet und wer wo wieviel Schaden verursacht. In der heutigen Weltwirtschaft ist es den großen Unternehmenskomplexen möglich, Produktionsketten global zu verteilen: Jeder Produktionsschritt wird von den Personen an den Orten ausgeführt, wo er die geringsten Kosten verursacht. Die geringen Transportkosten für Informationen (World Wide Web) und Güter (effizienter Schiffsverkehr, befeuert mit billigen Raffinerie-Reststoffen) erlauben genau diese Optimierung.

Ein dramatisches Beispiel ist die "Produktion" von Bio-Hühnchen in Österreich, die mit biosiegel-fähigem Soja aus Brasilien gemästet werden. Die Anbauflächen für die Sojapflanzen werden aus Tropenwald "gemacht". Es mag sein, dass die Fleischqualität o.k. und die Energiebilanz noch einigermaßen erträglich ist. Aber wie hoch sind die Kosten für verlorenen Regenwald und verlorene Biodiversität? Wie hoch sind die Kosten, in Form von Menschenleben, "Un"-Wohlstand der dort lebenden Menschen? (Dieses Beispiel stammt aus dem Film "We Feed The World" von Erwin Wagenhofer.)

Selbst die Bionahrungs-Wirtschaft wächst. Aber nicht nach den strengen Richtlinien von Demeter oder Bioland, die ganzheitliche Optimierungsansätze verfolgen. Sondern nach dem EU-Biosiegel, welches dichter bei den Regeln der kommerziellen Landwirtschaft steht. Auch "Bio" ist in weiten Teilen ein klassischer Wachstumsmarkt geworden, der sich der Profitoptimierung widmet. Und die spezifische Konsumentengruppe ist gefunden, die LOHAS. LOHAS steht für Lifestyle of Health and Sustainability (Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit). Gemeint ist dabei in aller Regel die eigene Gesundheit. Und bei der Nachhaltigkeit scheint es sich oft um die Nachhaltigkeit der eigenen Besitz-Optimierung zu handeln.

Jede Form des heutigen Wirtschaftswachstums bedeutet eine Beeinflussung unseres Lebensraums und beeinträchtigt zunehmend überlebenswichtige Ressourcen.

Wirtschaftswachstum = Wohlstand?

Zweifelsohne trägt das Wirtschaftswachstum zur Vermehrung des Wohlstands bei. Dabei sind aber zwei Fragen offen:

  • Was stellt diesen Wohlstand dar, wie ist er definiert?
  • Wer bekommt wieviel von dem Wohlstand ab?

Wohlstand wird am Bruttoinlandsprodukt oder am persönlichen Gehalt festgemacht. An dem Haus, dem Auto, den Reisen, die sich eine Person oder eine Familie leisten kann. Ob dieser Besitz zu Wohlbefinden führt, steht auf einem anderen Blatt. Zunächst der Zwang, das Geld zu beschaffen, um sich die Anschaffungen "leisten" zu können. Dann die Verwaltung und der Schutz des Besitzes. Und hier und da vielleicht auch der Mangel an Zeit, den Besitz zu nutzen.

Die zweite Frage birgt das größere Potential für Probleme: Wer hat Zugang zu welchem Anteil am Wohlstand? Stellen Sie sich vor, sie treffen sich mit 20 Personen zum Kaffeetrinken. Dort gibt es 40 Stücke Kuchen. Die ersten beiden Gäste, die sich bedienen, laden sich jeweils 10 Stücke Kuchen auf den Teller. Die nächsten beiden Gäste jeweils 5 Stücke. Die nächsten 2 Gäste je zwei Stücke - sie nehmen ja nur, was ihnen zusteht. Für die 14 verbleibenden Gäste bleiben gerade einmal 6 Kuchenstücke übrig. Wer zu den letzten 14 Personen (70 Prozent der Gäste!) zählt, würde sich ärgern. Weil es offensichtlich ist, dass eine Ressource ungerecht verteilt ist. Was den Wohlstand betrifft: Hier ist die Verteilung ähnlich ungerecht. Aber es gibt so viele Menschen ... und ihren Kontostand kennen wir auch nicht.

Werden aber die unterschiedlichen "Wohlstands"-Verhältnisse nach klassischem Wohlstand sichtbar, und dies ist nur eine Frage der Zeit, dürfte dies für Unruhe sorgen.

Gibt es Weg?

Ja! Die Anzeichen mehren sich, dass immer mehr Menschen des klassischen Wohlstands überdrüssig werden:

  • Wenn man in dem Bundestagswahlprogramm der CDU/CSU (2009) Sätze liest wie „Wohlstand in einer zerstörten Umwelt ist kein Wohlstand.“ (S. 7) oder „qualitatives Wachstum zugunsten von Klimaschutz, essourcenschonung und rankheitsbekämpfung“. (S. 19), macht dies Hoffnung: Dass selbst eine als "wirtschaftsfreundlich" bekannte Partei das reine materielle Wachstum in Frage stellt.
  • Wenn immer mehr Menschen die Lust am Konsumieren verlieren - weil es nicht mehr befriedigend ist - ist das ein Zeichen, dass sich das System Wohlstand = Geldbesitz totgelaufen hat.

Man kann sogar soweit gehen, dass selbst ein eingeschränkter Konsum zunehmend anstrengender und unerfreulicher wird. Es gibt immer weniger Produkte, die aufgrund ihrer Nützlichkeit, ihrer Haltbarkeit, ihres funktionellen Designs und ihres Preises attraktiv sind. Wir stehen vor der Frage, ob wir uns alle 2 Jahre ein neues Handy kaufen wollen, weil der Akku kaputt ist und ein Ersatzakku nicht verfügbar ist. Oder weil neue Features nur mit neuen Geräten genutzt werden können, weil das alte nicht mehr nachrüstbar ist. Auch wenn die Geräte oft bezahlbar sind. Es wird langsam eine Frage nach dem Sinn, alle zwei Jahre die zunehmend komplexe Bedienung der Werkzeuge ( ... oder Spielzeuge) neu erlernen zu müssen, obwohl wir es nicht wollen. Hier stimmen die Bürger, die Kunden mit ihrem Geldbeutel ab! An jeder Kasse ist Wahl. So können wir den materiellen Teil unseres Wohlstandes so umformen, dass auch Wohlbefinden entsteht.

Das WIrtschaftswachstum steht auf dem Prüfstand: Wir müssen es neu bewerten. Bezüglich seiner Qualität, seinem Maß und dem Maß, wie jeder Zugang zu Ressourcen erhält.

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