BLOG auf www.energieinfo.de→Artikel

Energie: Atomausstieg und die ungelöste Atommüllfrage

Copyright by Michael Bockhorst Freitag, 22. Oktober 2010
Der Atomausstieg hat die Behandlung der immer noch offenen Endlager-Frage nicht befeuert. Ein Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie erscheint als Lösung, ist aber kein Ausstieg aus der Kernenergie. Die strahlenden und hochgiftigen Abfälle bleiben.

Die Ausgangslage

Weltweit werden ca. 400 Kernkraftwerke betrieben. Pro Kernkraftwerk fallen jährlich etwa 30 Tonnen nuklearer Stoffe an, die aufwendig gelagert werden müssen. Das Problem einer langfristigen Entsorgung, der sogenannten Endlagerung, ist nirgendwo gelöst, wahrscheinlich sogar unlösbar. Einzig eine Umwandlung der gefährlichen Stoffe in weniger gefähliche Stoffe kann eine langfristig sichere Entsorgung gewährleisten.

Alle politischen Parteien sind sich einig, dass die Nutzung der Kernenergie in Deutschland eingestellt werden soll - nur die Vorstellungen über das Ende der Nutzungs-Phase sind unterschiedlich. Deutschland betreibt derzeit 18 Kernkraftwerke und damit etwa 5 Prozent der weltweit betriebenen Reaktoren.

Seit dem Reaktorunfall in Three Mile Island, USA sind die Zubau-Aktivitäten von Kernenergie praktisch eingeschlafen. Zementiert wurde dieser Zustand durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Der deutsche Atomausstieg

Ein nationaler Alleingang Deutschlands bei dem Ausstieg aus der Kernenergie-Nutzung ist - technisch betrachtet - ohne Bedeutung für die Gesamtsituation. Langfristig wird die Menge der nuklearen Abfälle in der Größenordnung eines Prozentes reduziert. Zumindest, wenn man bis zum Jahr 2050 oder 2100 weiterdenkt.

Aber könnte ein deutscher Atomausstieg weltweite Folgen haben? Nur dann, wenn der Ausstieg aus der Kernenergie durch andere Arten der Stromerzeugung begleitet wird, die verschiedenen Kriterien genügen müssen:

  • Geringe Auswirkungen auf das System Erde,
  • vertretbare Kosten,
  • hohe technische Zuverlässigkeit (Strom ist dann da, wenn er gebraucht wird) und
  • hohe politische Zuverlässigkeit (keine Erpressbarkeit durch Energielieferanten).

Diese anderen Arten der Stromerzeugung sind weder Windkraft noch Photovoltaik. Und neue Kohlekraftwerke genügen schon gar nicht diesem Anforderungs-"Katalog".

Deutschland könnte dennoch gewinnen: Mit Stromspeichern, die die technische Zuverlässigkeit von Wind- und Photovoltaikstrom ermöglichen. Oder mit neuen Arten der Stromerzeugung, die vielleicht noch gar nicht bekannt sind. Hierzu ist Forschung notwendig. Neue Stromspeicher müssten strengen Anforderungen genügen, die in dem obigen Kriterienkatalog widergespiegelt werden: Stromspeicher, die Strom zu geringen Kosten speichern, dabei keine nennenswerten Auswirkungen auf das System Erde tätigen. Die zum Bau benötigten Materialien müssen gut verfügbar sein, so dass keine problematischen politischen Abhängigkeiten entstehen können.

Die Alternative: Sichere Entsorgung von Atommüll

Abgebrannte Brennelemente und andere nukleare Abfälle können ohne weiteres vernichtet werden. Theoretisch und, wenn es sich um kleine Mengen von einigen Milligramm handelt, auch in der Praxis. Der Schlüssel dazu sind Prozesse, die als Transmutation bezeichnet werden. Transmutation ist die Umwandlung von chemischen Elementen. Von den Alchimisten nur erträumt,  wird heute die Transmutation tatsächlich eingesetzt. So werden radioaktive Isotope, die bestimmten Elementen entsprechen, aus anderen Elementen hergstellt. Dazu werden die Ausgansstoffe z.B. mit Protonen oder Neutronen bestraht und wandeln sich in neue Stoffe um.

Plutonium könnte so in zwei kleiner Teilkerne zertrümmert werden. Diese können auch radioaktiv sein,  besitzen aber eine wesentlich geringere Lebensdauer als das ursprüngliche Plutonium. Und sie wären nicht mehr in thermonuklearen Waffen verwendbar - thermonukleare Waffen sind Atombomben, bei denen eine nukleare Kettenreaktion die Energie für die Explosion liefert.

Technisch und vor allem großtechnisch ist die Transmutation der Inhaltsstoffe abgebrannter Brennelemente noch Zukunftsmusik. Dennoch könnte der Komplex von Politik, Naturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften mit einer Demonstrationsanlage für die Vernichtung von Atommüll großes Leisten:

  • Die bedrohlichen Altlasten der bisherigen Kernenergienutzung bereinigen und
  • die Kernenergie als Brücke zu deutlich besseren Energiequellen akzeptabler zu machen.

Nicht nur "Demonstration gegen" ...

Das Kernkraftwerke und Endlager Demonstrationen auslösen, ist verständlich. Aber allzu oft scheint der Erfolg dann einzutreten, wenn ein Kernkraftwerk oder ein Endlager vereitelt wurde ... oder ein Transport von Atommüll vereitelt wurde.

Was bleibt, sind nukleare Abfälle, deren sichere Aufbewahrung herausgezögert und deren Vernichtung gar nicht diskutiert wird.

Was ebenfalls bleibt: Die Hoffnung auf mehr Sachlichkeit in der Diskussion und auf Demonstrationen für neue Wege, Atommüll unschädlich zu machen.

gesetzte Tags: ,

 

Navigation