Vor gut vier Jahrzehnten begann mit Juri Gagarin die bemannte Raumfahrt und noch heute ist Raumfahrt, ob bemannt oder unbemannt, ein großes Abenteuer. Die frühe bemannte Raumfahrt, aus Sicht der damaligen Politik der waffenlose Kampf des kalten Krieges, hat letztendlich den Blick für die Schönheit der Erde, aber auch für ihre Verletzbarkeit geöffnet. Das dünne Häutchen der Atmosphäre bildet unseren Lebensraum, der inzwischen fast vollständig ausgeschöpft ist.
Raumfahrt wurde oft als unnütz, viel zu teuer bezeichnet. Häufiges Argument:
Die Menschen sollen erst einmal ihre Probleme auf der Erde lösen, die
sind schließlich teuer genug!
Die gleichen Kritiker sind aber dennoch froh, wenn sie wissen, wie morgen
oder übermorgen das Wetter wird. Solche Wetter-Vorhersagen sind erst
durch Erderkundungs-Satelliten möglich geworden, die das globale
Wettergeschehen mit Bildern erfassen, die für die Wettervorhersage
ausgewertet werden.
Seit 20-30 Jahren erkunden Satelliten die Erdoberfläche, zunehmend auch
Daten der Atmosphäre. Zunächst lag der Schwerpunkt im zivilen
Bereich auf der Vermessung
von Ressourcen, etwa potentielle landwirtschaftliche Nutzflächen oder
Rohstoff-Vorkommen; im militärischen Bereich war eine möglichst präzise
Erkundung der Gelände und der Einrichtungen potentieller Gegner das
primäre Ziel.
Durch die zunehmende Diskussion von Umweltbelastungen
aus verschiedensten Quellen wurde der Einsatz von Satelliten zur
Vermessung solcher Parameter immer wichtiger. Ob dies nun darum geht,
Schiffe, die unerlaubt Öl ablassen, dingfest zu machen oder ob
das Ozonloch vermessen wurde.
Mit der Diskussion um den
Treibhauseffekt
wurde zu Beginn der 80er Jahre zaghaft begonnen, spätestens jedoch mit der
Klimakonferenz in Rio de
Janeiro im Jahre 1992 wurde die Problematik der globalen Erderwärmung
ein prominentes Thema in der Tagespresse. Nachdem jedoch die Folgekonferenzen
nur relativ bescheidene Ergebnisse hervorgebracht haben, ist
das Thema wieder in das Rauschen der vielen Nachrichten-Meldungen
herabgerutscht.
Dies liegt wohl kaum daran, daß dieses Thema nicht mehr bedeutsam ist, sondern
dies kommt vielmehr daher, daß der vom Menschen verursachte zusätzliche
Treibhauseffekt kontrovers diskutiert wird: Jeder vorsichtige Mensch
würde am liebsten dafür sorgen, daß möglichst wenig
Kohlendioxid
emittiert wird, während jemand, der von dem Verkauf fossiler Brennstoffe
oder - wie wir alle - von günstigen Energiepreisen profitiert, den
Treibhauseffekt lieber herunterspielen dürfte. Auch
eingefleischte Atomkraft-Gegner kommen in Not, wenn die Auswirkungen des
Treibhauseffektes zu der Erkenntnis führen, daß
Kernkraftwerke
vielleicht doch sinnvolle und vergleichsweise umweltfreundliche
Energieerzeuger sein könnten.
Erst dann, wenn man Ordnung in das noch recht wirr erscheinende Geflecht von
Faktoren, die das Erd-Klima bestimmen, bringt, wird eine klare Aussage
gemacht werden können, wie die Zusammenhänge sind: An welchen Stellen
verursacht der Mensch auf welche Weise Klimaveränderungen und in welche
Richtung gehen sie.
Wäre der Zusammenhang zwischen globaler Erderwärmung
und der vom Menschen verursachten Emissionen von Treibhausgasen, der
mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit existiert, von Wissenschaftlern
und Politikern aller Nationen
akzeptiert, wäre eine Einigung auf weitreichende Klimaschutz-Maßnahmen
im Rahmen der Klimakonferenzen kaum ein Problem.
Der neue Erderkundungs-Satellit ENVISAT, der am 28.2.2002 in French
Guyana von der ESA gestartet wurde, ist mit einer umfangreichen
Sensorik ausgestattet, die genau den genannten sowie anderen Fragen
des Umwelt-Zustandes und der Umwelt-Veränderungen nachgehen kann.
Der polare Orbit von ENIVSAT gewährleistet, daß die gesamte Erdoberfläche
betrachtet werden kann und alle drei Tage vollständig überstrichen
wird. Alle Instrumente haben eine hohe räumliche Auflösung.
Dadurch können die Messungen also vollständig und mit hoher räumlicher und
zeitlicher Auflösung durchgeführt werden!
ENVISAT hat zehn verschiedene Instrumente an Bord, die klimabestimmende Faktoren vermessen können: zum Beispiel die Ausdehnung von Eisflächen in den polaren Regionen, Wolken, ortsaufgelöste Messungen der Wasserdampf-Konzentration, Konzentrationen verschiedener klimarelevanter Gase, der vertikalen Durchmischung der Atmosphäre und andere. Dazu kommen Möglichkeiten, Komponenten des globalen Kohlenstoff-Kreislaufs zu messen, etwa die ortsaufgelöste Bestimmung der Verteilung pflanzlicher Biomasse, ihres Feuchtigkeits-Gehalts oder ihres Gesundheits-Zustandes. Auch die Verfrachtung verschiedener Stoffe mit der Atmosphäre kann beobachtet werden. Dazu gehören industrielle Schadstoffe, Staubstürme, Rauch aus Waldbränden usw.
Die ENVISAT-Mission, die auf eine Meßzeit von 5 Jahren angelegt ist,
"verschlingt" die ungeheuer erscheinende Summe von etwa 2.3 Milliarden
Euro ... aber: bei 500 Millionen Euro pro Jahr und 350 Millionen
europäischen Bürgern sind dies gerde mal 1.50 Euro pro Person und
Jahr. Im Vergleich zu anderen Ausgaben, die durch Steuern gedeckt
werden, eine geradezu vernachlässigbare Summe!
Und nicht zu vergessen, daß die Ergebnisse der ENVISAT-Mission mit
Sicherheit dazu führen werden, daß wir Menschen sorgfältiger mit
den natürlichen Resourcen umgehen werden, was wiederum die Lebensqualität
sehr vieler Menschen verbessern und viele
Menschenleben retten wird.
ENVISAT erlaubt ein globales "Monitoring" von Umweltparametern, weshalb die Mission auch wesentlich weitergehende Folgen haben kann: Stellt sich heraus, daß die zusätzliche globale Erwärmung mit Sicherheit durch den Menschen verursacht wird, besteht eine gute Chance, daß sich alle Industrienationen zusammensetzen und eine substanzielle Reduktion der Treibhausgas-Emissionen vereinbaren. Und diese auch einhalten!