Vor 30 Jahren war ein Kondensstreifen am Himmel noch ein Kuriosum,
welches man fasziniert beobachtet hat. Heute ist ein gnadenlos blauer
Himmel eine Seltenheit. Viele Kinder, die in den dicht besiedelten
Gegenden der Erde leben, werden kaum mehr einen schönen blauen Himmel
kennenlernen, kaum ein Erwachsener hat die Zunahme dieser künstlichen
Wolken in den letzten Jahrzehnten registriert.
Es gibt zwei Standpunkte: Einmal den ästhetischen, auf der anderen
Seite den des Eingriffes in natürliche Abläufe in der Biosphäre.

Man stelle sich nur vor, heutzutage einen Ort aufzusuchen, an dem man
Natur pur erleben kann -- schon seit Jahrzehnten ein Ding der
Unmöglichkeit. Wenigstens konnte man sich noch auf den Rücken legen
und in den reinen blauen Himmel schauen. Aber diese letzte Chance ist
in den letzten 20 Jahren verbaut worden: Immer häufiger ist der
Himmel von einem Muster mit weißen Streifen durchzogen, die sich im
Laufe des Tages manchmal auflösen können, meist jedoch den Himmel
mit dünnen Wolken oder einen hohen Dunstschleier bedecken.
Und des Nachts ist es auch nicht viel besser: Den Sternenhimmel
verzieren kleine weiße Punkte, die majestätisch über das Firmament
ziehen. Ist es bewölkt, verunzieren weiße Lichtkleckse aus
Hochhäusern und Gebäuden, die ihnen nacheifern, die Wolken.
Der Aspekt des Eingriffes in die natürliche Umgebung des Menschen ist
bei weitem nicht so augenfällig, wie die ästhetischen
Gesichtspunkte, aber nach heutigem Wissen der sehr viel
problematischere Aspekt.
Wasserdampf beeinflußt den Strahlungshaushalt in der Erdatmosphäre
maßgeblich: Wasserdampf ist ein Treibhausgas. Es ist sogar das
wichtigste Treibhausgas, weil Wasser auf der Erde überall in
gigantischen Mengen vorkommt. Allerdings entstehen durch Wasserdampf,
der in großen Höhen zu feinen Wassertröpfchen kondensiert, Wolken,
die Licht reflektieren und damit Strahlung von den tieferen Schichten
der Atmosphäre fernhalten -- an bewölkten Tagen ist es normalerweise
kälter, als ohne Wolken. Wolken behindern gleichermaßen, daß
Wärme vom Erdboden in das All abgestrahlt wird -- in klaren Nächten
wird es viel kälter als bei bedecktem Himmel.
Kondensstreifen sind nichts anderes als künstliche Wolken, die durch
Flugzeuge, die in der entsprechende Höhe der Stratosphäre fliegen,
verursacht werden.
Wie kann man Kondensstreifen vermeiden?
Nicht fliegen ist der
einfachste und klarste Weg. Aber Mobilität läßt sich in unserer
Gesellschaft wohl kaum einschränken, jedenfalls nicht ohne Murren von
Wirtschaftsunternehmen und der Bevölkerung. Ohne billigen Flugverkehr
für Ananas und Tomaten oder wochenendtrip-süchtige Urlauber würde
für viele der Wohlstand sinken, ganze Wirtschaftszweige wären
betroffen.
Nach dem Nicht-Fliegen kommt das Anders-Fliegen: Durch eine
Verringerung der Flughöhe könnten die Kondensstreifen vermieden
werden, allerdings würde der Verbrauch geringfügig steigen, weil der
Luftwiderstand in der geringern Flughöhe durch die dichtere
Atmosphäre größer ist.
Der dritte Weg ist die Einführung vollkommen neuer Technologien, die
keinen Wasserdampf und keine anderen Kondensationskeime freisetzen --
solche Flugzeuge könnten die Bildung von Kondensstreifen im Ansatz
vermeiden. Aber nach heutigem Wissen um technische Möglichkeiten
kämen dafür wohl nur leichte Kernreaktoren in Frage, etwa nach dem
Prinzip des Gasphasenreaktors. Und das kann keiner wollen!
Es bleibt zu hoffen, daß die Menschen wenigstens ab und zu einmal in den Himmel schauen und sich bewußt machen, das diese Streifenmuster eine Folge der modernen (?) Mobilität sind und nicht der Naturzustand!