Kategorie: Energie (Buch-Rezension/Buchbesprechung)
Jeremy Rifkin:
Verlag: 2002 Campus Verlag Frankfurt/New York / http://www.campus.de/ |
Die Idee ist grandios: Wasser wird mit Strom aus Sonne, Wind und
Wasser durch den Prozeß der Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff
gespalten. Der Wasserstoff wird in Rohrleitungs-Systemen verteilt und
zum Endverbraucher gebracht. Der wiederum speist den Wasserstoff in
Brennstoffzellen, die den Haushalt und das Auto mit Strom
versorgen.
Jeremy Rifkin entwickelt sein Bild einer Wasserstoff-Wirtschaft erst im letzten
Viertel des Buches, die ersten drei Viertel sind ein grandioser Abriß
der Geschichte der Energienutzung der Menschheit, mit dem Schwerpunkt
der Nutzung des Erdöls und seiner Produkte. Und die Fakten zur
Erdölnutzung sind es, die die Suche nach Alternativen zum Erdöl so
dringlich machen.
Während die öffentliche Diskussion sich um Rohöl- und
Kraftstoffpreise dreht, die unsere Gemüter erhitzen,
schreibt Rifkin in seinem Buch über die
tieferen Zusammenhänge, die unsere oberflächlichen Diskussionen in
den Schatten stellen.
Gesetzmäßigkeiten der Erdölförderung - Hubberts
Normalverteilungskurve -, die Bedeutung von Energie für menschliche
Gesellschaften, die Historie der fossilen Brennstoffe, die Bedeutung
des Islam für die Versorgung mit Erdöl, Alternativen unter den
fossilen Brennstoffen und Schwachstellen unseres Systems werden in den
Kapiteln 3-7 behandelt.
Beeindruckend schildert Rifkin, wie sehr wir von dem Elixier Erdöl
abhängig sind und wie wenig diese Tatsache im täglichen Leben
erkennbar ist. Die gigantische Maschinerie der Erdölförderung, der
Raffinierung zu den Endprodukten, die Tankerflotten, die für den
Transport sorgen, wird durch Investitionen in zwei- oder dreistelligen
Milliardenbeträgen aufrechterhalten. Politik und Wirtschaft machen
gewaltige Klimmzüge zur Sicherung des Zugriffs auf diese
Energieressource. Dies ist vor allem dann von Bedeutung, wenn einige
wenige Staaten eine Ressource besitzen, viele Staaten sich daran laben
wollen. Und genau diese Situation wird bald erreicht: In etwa 10 Jahren
wird die Welt am Tropf arabischen Öls hängen. Dort liegen die
meisten Ölvorkommen, deren Förderleistung gesteigert werden kann und
die zudem noch große Mengen Erdöls beinhalten. Und in etwa 10 Jahren
werden wir uns in der weltweiten Perspektive voraussichtlich auf der Hubbertschen
Kurve langsam aber sicher nach unten bewegen: Die Welt-Förderleistung
des Erdöls sinkt. Drastische Preissteigerungen sind eine sichere Folge,
der Kampf um den Rohstoff Erdöl - mit wirtschaftlichen und militärischen
Mitteln - wird wahrscheinlich häufiger und heftiger.
Rifkin schließt zudem aus, daß Erdgas oder nicht-konventionelle Erdölvorkommen wie Ölsande oder Ölschiefer echte Alternativen sind: Sie schieben nur das Ende einer Versorgung mit den hochwertigen Energieträgern Erdöl und Erdgas auf. Folgerichtig kritisiert Rifkin den Trend, Strom aus Erdgas zu erzeugen, etwa mit hocheffizienten, billigen und in Deutschland so gelobten GuD-Kraftwerken (Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerken).
In den Kapiteln 8 und 9 will Rifkin die Lösung aufzeigen: Die
aufkommende Wasserstoff-Wirtschaft. Ein System von
Wasserstoff-Herstellern und Wasserstoff-Nutzern, wie es eingangs
geschildert wurde.
Leider verfängt sich der Autor in den Träumen einer einfachen
Lösung, die auf einer einzigen Substanz und einigen wenigen
Energiewandlern beruht. Rifkin geht an keiner Stelle darauf ein, wie
aufwendig die Technologien und wie teuer sie sind. Diese beiden
Kriterien schließen eine großtechnische Wasserstoff-Nutzung für die
nächsten 1-2 Jahrzehnte aus, realistisch ist erst in vielen
Jahrzehnten mit einer solch radikal veränderten Energiewirtschaft zu
rechnen.
Weiterhin ist der Glaube, daß die Wasserstoff-Wirtschaft unabdingbar
zu einer Dezentralisierung führt, ein Irrglaube: Wird
Wasserstoff großtechnisch produziert, ist der Verbraucher abhängig
vom Wasserstoffproduzenten. Produziert der einzelne Bürger seinen
Wasserstoff mit Solarzellen selbst, ist er immer noch in der Hand der
Hersteller der entsprechenden Wandler. Solarzellen oder
Brennstoffzellen kann man derzeit noch nicht mit einer
Heimwerkerausrüstung im eigenen Hobbykeller herstellen! Im Gegenteil:
Solarzellen oder Brennstoffzellen können nur in hochspezialisierten
Fabriken hergestellt werden, die nur von großen Konzernen betrieben
werden. Reparatur und Wartung dieser Systeme sind eine Sache für
Spezialisten. Die Abhängigkeiten werden demnach nur
getauscht.
Eine Demokratisierung von Energie, die Rifkin als Eigenschaft einer
Wasserstoff-Wirtschaft postuliert, ist nach derzeitigem Stand der
Wasserstoff-Technologie noch nicht möglich.
Rifkins Buch "Die H_2-Revolution" ist ein vorzüglicher Abriß über die Geschichte der Erdöl-Nutzung und ihre aktuelle Struktur, eingebettet in die politische, gesellschaftliche und energetische Welt-Situation. In den energietechnischen Betrachtungen zur Wasserstoff-Wirtschaft offenbaren sich jedoch Schwächen: Abgesehen davon, daß an manchen Stellen Energieeinheiten durcheinanderkommen oder Zahlenwerte falsch sind, fehlen vor allem Abschätzungen zu dem Rohstoff-Aufwand und den Investitions-Kosten für eine Einführung der Wasserstoff-Wirtschaft. Was nutzen phantastische Prototypen, die nie zu einer für den Bürger bezahlbaren Serienfertigung gebracht werden können?
Aber trotz dieser Kritik: Rifkins Buch ist wertvoll, weil es schonungslos Fakten anspricht, die jede Politikerin, jeden Bürger dazu bewegen sollten, Ressourcen schätzen zu lernen.
Created: 2006-08-27
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Zitierweise:Michael Bockhorst, www.energieinfo.de
