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Kategorie: Energie (Buch-Rezension/Buchbesprechung)

Jeremy Rifkin:
Die H2-Revolution

Verlag: 2002 Campus Verlag Frankfurt/New York / http://www.campus.de/
ISBN: 3-593-37097-2
Ausstattung: 304 S., gebunden

Die Idee ist grandios: Wasser wird mit Strom aus Sonne, Wind und Wasser durch den Prozeß der Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der Wasserstoff wird in Rohrleitungs-Systemen verteilt und zum Endverbraucher gebracht. Der wiederum speist den Wasserstoff in Brennstoffzellen, die den Haushalt und das Auto mit Strom versorgen.
Jeremy Rifkin entwickelt sein Bild einer Wasserstoff-Wirtschaft erst im letzten Viertel des Buches, die ersten drei Viertel sind ein grandioser Abriß der Geschichte der Energienutzung der Menschheit, mit dem Schwerpunkt der Nutzung des Erdöls und seiner Produkte. Und die Fakten zur Erdölnutzung sind es, die die Suche nach Alternativen zum Erdöl so dringlich machen.

Während die öffentliche Diskussion sich um Rohöl- und Kraftstoffpreise dreht, die unsere Gemüter erhitzen, schreibt Rifkin in seinem Buch über die tieferen Zusammenhänge, die unsere oberflächlichen Diskussionen in den Schatten stellen.
Gesetzmäßigkeiten der Erdölförderung - Hubberts Normalverteilungskurve -, die Bedeutung von Energie für menschliche Gesellschaften, die Historie der fossilen Brennstoffe, die Bedeutung des Islam für die Versorgung mit Erdöl, Alternativen unter den fossilen Brennstoffen und Schwachstellen unseres Systems werden in den Kapiteln 3-7 behandelt.

Beeindruckend schildert Rifkin, wie sehr wir von dem Elixier Erdöl abhängig sind und wie wenig diese Tatsache im täglichen Leben erkennbar ist. Die gigantische Maschinerie der Erdölförderung, der Raffinierung zu den Endprodukten, die Tankerflotten, die für den Transport sorgen, wird durch Investitionen in zwei- oder dreistelligen Milliardenbeträgen aufrechterhalten. Politik und Wirtschaft machen gewaltige Klimmzüge zur Sicherung des Zugriffs auf diese Energieressource. Dies ist vor allem dann von Bedeutung, wenn einige wenige Staaten eine Ressource besitzen, viele Staaten sich daran laben wollen. Und genau diese Situation wird bald erreicht: In etwa 10 Jahren wird die Welt am Tropf arabischen Öls hängen. Dort liegen die meisten Ölvorkommen, deren Förderleistung gesteigert werden kann und die zudem noch große Mengen Erdöls beinhalten. Und in etwa 10 Jahren werden wir uns in der weltweiten Perspektive voraussichtlich auf der Hubbertschen Kurve langsam aber sicher nach unten bewegen: Die Welt-Förderleistung des Erdöls sinkt. Drastische Preissteigerungen sind eine sichere Folge, der Kampf um den Rohstoff Erdöl - mit wirtschaftlichen und militärischen Mitteln - wird wahrscheinlich häufiger und heftiger.

Rifkin schließt zudem aus, daß Erdgas oder nicht-konventionelle Erdölvorkommen wie Ölsande oder Ölschiefer echte Alternativen sind: Sie schieben nur das Ende einer Versorgung mit den hochwertigen Energieträgern Erdöl und Erdgas auf. Folgerichtig kritisiert Rifkin den Trend, Strom aus Erdgas zu erzeugen, etwa mit hocheffizienten, billigen und in Deutschland so gelobten GuD-Kraftwerken (Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerken).

In den Kapiteln 8 und 9 will Rifkin die Lösung aufzeigen: Die aufkommende Wasserstoff-Wirtschaft. Ein System von Wasserstoff-Herstellern und Wasserstoff-Nutzern, wie es eingangs geschildert wurde.
Leider verfängt sich der Autor in den Träumen einer einfachen Lösung, die auf einer einzigen Substanz und einigen wenigen Energiewandlern beruht. Rifkin geht an keiner Stelle darauf ein, wie aufwendig die Technologien und wie teuer sie sind. Diese beiden Kriterien schließen eine großtechnische Wasserstoff-Nutzung für die nächsten 1-2 Jahrzehnte aus, realistisch ist erst in vielen Jahrzehnten mit einer solch radikal veränderten Energiewirtschaft zu rechnen.

Weiterhin ist der Glaube, daß die Wasserstoff-Wirtschaft unabdingbar zu einer Dezentralisierung führt, ein Irrglaube: Wird Wasserstoff großtechnisch produziert, ist der Verbraucher abhängig vom Wasserstoffproduzenten. Produziert der einzelne Bürger seinen Wasserstoff mit Solarzellen selbst, ist er immer noch in der Hand der Hersteller der entsprechenden Wandler. Solarzellen oder Brennstoffzellen kann man derzeit noch nicht mit einer Heimwerkerausrüstung im eigenen Hobbykeller herstellen! Im Gegenteil: Solarzellen oder Brennstoffzellen können nur in hochspezialisierten Fabriken hergestellt werden, die nur von großen Konzernen betrieben werden. Reparatur und Wartung dieser Systeme sind eine Sache für Spezialisten. Die Abhängigkeiten werden demnach nur getauscht.
Eine Demokratisierung von Energie, die Rifkin als Eigenschaft einer Wasserstoff-Wirtschaft postuliert, ist nach derzeitigem Stand der Wasserstoff-Technologie noch nicht möglich.

Rifkins Buch "Die H_2-Revolution" ist ein vorzüglicher Abriß über die Geschichte der Erdöl-Nutzung und ihre aktuelle Struktur, eingebettet in die politische, gesellschaftliche und energetische Welt-Situation. In den energietechnischen Betrachtungen zur Wasserstoff-Wirtschaft offenbaren sich jedoch Schwächen: Abgesehen davon, daß an manchen Stellen Energieeinheiten durcheinanderkommen oder Zahlenwerte falsch sind, fehlen vor allem Abschätzungen zu dem Rohstoff-Aufwand und den Investitions-Kosten für eine Einführung der Wasserstoff-Wirtschaft. Was nutzen phantastische Prototypen, die nie zu einer für den Bürger bezahlbaren Serienfertigung gebracht werden können?

Aber trotz dieser Kritik: Rifkins Buch ist wertvoll, weil es schonungslos Fakten anspricht, die jede Politikerin, jeden Bürger dazu bewegen sollten, Ressourcen schätzen zu lernen.

Created: 2006-08-27